Kann eine Maß Bier dein Pitch-Deck ersetzen?

Warum auf dem Oktoberfest plötzlich Deals entstehen, für die anderswo drei Zoom-Meetings nötig wären

Lederhose. Blasmusik. Hendl. Eine Maß für mittlerweile bis zu 15,90 Euro. Doch wer das Oktoberfest nur als 16-tägigen Ausnahmezustand mit erstaunlich schlechter Handy-Erreichbarkeit betrachtet, übersieht einen ziemlich interessanten Nebeneffekt: Die Wiesn ist längst eines der ungewöhnlichsten Business-Events Deutschlands.

Nur eben ohne Namensschild am Lanyard.

Während sich Tausende Besucher durch die Wirtsbudenstraße schieben, sitzen in den Festzelten Geschäftsführer neben Start-up-Gründern, Kunden neben Vertrieblern, Investoren neben Unternehmern. Es wird gegessen, angestoßen, geredet und nebenbei passiert genau das, wofür Unternehmen sonst Konferenzräume buchen:

Kontakte entstehen, Beziehungen werden vertieft, Geschäfte angebahnt.

Die Frage ist nur: Warum funktioniert ausgerechnet eine Bierbank manchmal besser als ein Meetingraum?

Eine Bierbank kennt keinen Chefsessel

Vielleicht beginnt die Antwort schon bei der Sitzordnung. In einem Konferenzraum ist ziemlich schnell klar, wer welche Rolle spielt. Einer präsentiert, einer entscheidet, einer will etwas verkaufen. Und einer schaut auf die Uhr.

Im Festzelt sitzen plötzlich alle auf derselben Holzbank.

Es gibt keine Kopfseite des Tisches und keine Präsentation mit „Agenda“-Folie. Und spätestens wenn die Musik so laut wird, dass niemand mehr einen auswendig gelernten Sales-Pitch aufsagen kann, muss etwas anderes passieren:

Man redet miteinander.

Nicht CEO mit Dienstleister oder Investor mit Founder, sondern erst einmal Mensch mit Mensch.

Das Bier ist dabei wahrscheinlich weniger entscheidend, als man vermuten könnte. Wer alkoholfrei trinkt, bekommt denselben Effekt. Entscheidend ist der Kontext: Wenn der offizielle Teil vorbei ist, werden die Rollen unschärfer und das Gespräch bekommt Luft.

Genau das nutzen Unternehmen inzwischen ziemlich gezielt.

Erst KI-Strategie, dann Löwenbräu

ServiceNow veranstaltet beispielsweise einen „Innovation Day“. Auf der Agenda stehen Themen wie AI Governance, Automatisierung und Unternehmensstrategie. Um 15:30 Uhr endet der offizielle Teil. Um 16:15 Uhr fährt der Bus. Ziel: Oktoberfest. Löwenbräu-Festzelt. „Celebration & Connection“.

Man könnte sagen: Erst Enterprise-AI, dann Maßkrug.

Das Muster ist kein Einzelfall. Der Zahlungs- und Softwareanbieter G+D Netcetera organisierte 2025 zunächst Business Updates, Lunch und Einzelgespräche mit Kunden und reservierte anschließend Tische im Hofbräu-Festzelt.

Das Interessante daran ist die Reihenfolge. Die Unternehmen ersetzen den fachlichen Austausch nicht durch sechs Stunden Festzelt. Sie kombinieren beides.

Erst entsteht Kompetenz. Dann entsteht Nähe.

Möglicherweise liegt genau darin der Unterschied zwischen einem Kontakt, dessen Visitenkarte drei Wochen später niemand mehr zuordnen kann und einer Beziehung, aus der tatsächlich Geschäft entsteht.

Networking funktioniert am besten, wenn es sich nicht nach Networking anfühlt

„Networking Event“ gehört zu diesen Begriffen, bei denen man schon vor dem ersten Gespräch ein bisschen müde wird. Man bekommt ein Namensschild, hält ein Getränk in der Hand und weiß: Jetzt soll bitte möglichst effizient eine wertvolle berufliche Beziehung entstehen. Natürlich vollkommen ungezwungen.

Das Problem: Jeder weiß, warum alle da sind. Auf der Wiesn verschiebt sich dieser Mechanismus. Das Geschäftliche ist noch da, aber nicht mehr permanent im Vordergrund.

Der belgische Zahlungsdienstleister iBanFirst bezeichnete das Oktoberfest nach seinem Wiesn-Besuch 2025 sogar als „serious networking hotspot“. Einige der interessantesten Gespräche, so das Unternehmen, fänden eben nicht im Meetingraum, sondern bei einer Maß statt.

Das klingt zunächst nach einer hübschen LinkedIn-Pointe. Dahinter steckt aber eine ziemlich brauchbare Erkenntnis für jeden Unternehmer:

Menschen bauen Beziehungen nicht dort auf, wo sie dazu aufgefordert werden. Sondern dort, wo sie genügend Zeit und Anlass haben, miteinander ins Gespräch zu kommen.

Ein kleiner, aber entscheidender Unterschied.

München hat daraus längst ein Format gemacht

Wie professionell Business und Wiesn mittlerweile zusammengehören, zeigt die digiWiesn.

Was 2007 begann, ist heute ein wirtschaftspolitisches Format rund um Technologie, Mittelstand und Politik. 2026 gehören dazu ein Summit, Gespräche mit Unternehmern und Politikern und der sogenannte Weißwurst-Kongress.

Dessen Konzept könnte kaum weiter von einer klassischen Business-Konferenz entfernt sein: Rund 150 Entscheider. Ein gemeinsamer Tisch. Weißwurst und Brezn. Kein PowerPoint.

Das Versprechen der Veranstalter: Gespräche auf Augenhöhe.

Man muss diese Inszenierung nicht romantisieren. Natürlich werden auch auf einer Bierbank schlechte Verkaufsgespräche geführt. Und aus einem gemeinsamen Hendl entsteht noch lange kein Joint Venture.

Doch die Wiesn zeigt sehr anschaulich, was vielen klassischen Business-Events fehlt:

Ein Rahmen, in dem nicht jede Minute nach Business aussehen muss, um geschäftlich wertvoll zu sein.

Hinter dem Spaß steckt ohnehin ein Milliarden-Business

Dass auf der Wiesn über Geschäfte gesprochen wird, passt außerdem ziemlich gut zu dem, was die Veranstaltung selbst längst ist: ein gewaltiges Unternehmen auf Zeit.

Für 2025 bezifferte die Stadt München den Wirtschaftswert des Oktoberfests auf rund 1,57 Milliarden Euro.

Gut 634 Millionen Euro sollten direkt auf dem Festgelände ausgegeben werden. Weitere 338 Millionen Euro entfielen auf Einkäufe und Dienstleistungen in München, fast 599 Millionen auf Übernachtungen und Gastronomie.

Rund 13.000 Menschen arbeiten während der Wiesn auf dem Gelände. 2026 wurden aus 954 Bewerbungen gerade einmal 478 Betriebe zugelassen.

Und der Effekt endet nicht am Ausgang der Theresienwiese.

Eine aktuelle Visa-Auswertung zeigt, dass die Ausgaben in München während der Oktoberfest-Wochen rund 30 Prozent über dem Normalniveau liegen. Im Modehandel beginnt der Effekt offenbar sogar Wochen vorher.

Volksfest?

Ja.

Aber eben eines mit ziemlich beeindruckender GuV.

Die Maß ist nicht die Strategie

Bevor jetzt jemand das nächste Kundengespräch vorsorglich ins Hofbräu-Festzelt verlegt: Die eigentliche Lektion der Wiesn hat erstaunlich wenig mit Bier zu tun.

Sie hat mit Kontext zu tun. Unternehmer investieren enorme Energie darin, Gespräche effizienter zu machen. 30-Minuten-Calls. Calendly-Slots. Präsentationen. Follow-up-Mails. CRM-Automationen.

Alles sinnvoll.

Nur entstehen starke Beziehungen nicht immer effizient. Manchmal brauchen Menschen zuerst einen Grund, zehn Minuten länger sitzen zu bleiben. Der Wiesn-Code lässt sich deshalb ziemlich einfach in den eigenen Business-Alltag übersetzen:

  • Schaffe Erlebnisse statt nur Termine. Ein gemeinsames Essen kann mehr Verbindung erzeugen als das dritte Statusmeeting.

  • Pack nicht in jedes Gespräch sofort einen Pitch. Wer jede Begegnung monetarisieren will, verhindert häufig genau die Beziehung, aus der später Geschäft entstehen könnte.

  • Kombiniere Substanz und Informalität. Erst Workshop, Vortrag oder fachlicher Austausch – danach ein Rahmen, in dem das Gespräch weiterlaufen kann.

  • Optimiere nicht nur deinen Funnel. Optimiere deine Gesprächssituationen. Menschen erinnern sich selten an deine zwölfte PowerPoint-Folie. An ein starkes gemeinsames Erlebnis sehr wohl.

Vielleicht ist das die eigentliche Business-Lektion des Oktoberfests.

Nicht, dass Alkohol bessere Deals macht. Sondern dass Geschäfte am Ende immer noch zwischen Menschen entstehen.

Und manchmal braucht es dafür keinen besseren Pitch.

Sondern einfach eine bessere Bierbank.